Dankbar und stolz

Das Einlaufen in Lanzerote war ein sehr besonderer Moment für mich. Als die Inseln LaGraciosa und Lanzerote im Morgennebel sichtbar wurden, liefen mir tatsächlich Tränen über das Gesicht. Ich stand allein am Steuer während die Familie schlief und war überwältigt von Emotionen.

Dies war zum einen das Ende unserer ersten Atlantiketappe und wir hatten sie toll gemeistert. ich war stolz auf meine Crew, die Wellen bis zu fast 3m und bis zu 29kn Wind getrotzt hatte. Wir waren geflogen, 100nm in einer Nacht und 450nm in gerade einmal 3 Tagen. Nichts war kaputt gegangen, keiner von uns war Seekrank geworden, Lenny und Caro hatten allein nachts unseren 169m2 Drachen bei 6bft im Griff behalten. Ich war auch stolz auf mich, ich hatte unterwegs immer wieder die Leinenführung des Drachen korrigiert, den Hydrogenerator repariert und etliche Stunden Wache geschoben. Soweit das Kurzfristige.

Es sind nun genau 3 Monate, die wir auf dem Boot leben. Am 9.7. Hatten wir die Leonardo in Trogir bezogen. Wir sind tatsächlich ein Vierteljahr auf Reisen, wir vier und wir haben uns noch immer lieb! Enno und Lennard fahren trotz Pubertät mit uns, das allein ist schon toll und ich danke ihnen für ihren Mut!

Die Kanaren waren mein Ziel, bis hierhin wollte ich gern kommen und wir haben es geschafft! Wir haben es geschafft alle unsere Alltagsverpflichtungen hinter uns zu lassen und auf diese Reise zu gehen. Wenn man ehrlich ist sind wir keine großen Segler. Selbst in der Vereinswettfahrt unserer VWG, der Versehrtenwassersportgemeinschaft würden wir nie über einen mittleren Platz hinauskommen. Aber dennoch haben wir es sicher bis hierher geschafft und das macht mich sehr stolz. Soweit das mittelfristige.

Vor ungefähr 8 Jahren befanden sich Caro und ich in einer substanziellen Krise, es fehlte nicht viel zu unserer Trennung. Wir trennten uns nicht sondern machten uns auf einen langen und mühsamen Prozess der Annäherung und der Veränderung. Inzwischen haben wir uns beide beruflich verändert, haben viel über uns selbst gelernt und führen eine reifere und respektvollere Beziehung. Diese Reise wäre vor unserer Krise nicht möglich gewesen und sie ist für mich ein Symbol und ein Höhepunkt unseres Veränderungsprozesses. Ich danke Caro von Herzen dafür, dass sie diesen Prozess angestoßen hat und sich mit mir auf diesen anstrengenden aber großartigen und erfüllenden Weg gemacht hat. Dies waren die längerfristigen Gedanken und Gefühle, die mich bei der Ansteuerung Lanzarotes bewegten.

Es ist der 09.10.2019, der Tag des 80. Geburtstages meines Vaters. Ich denke an ihn und meine Mutter. Mein Vater hat mir als Kind das Segeln auf einem 420er beigebracht und mich mit 14 bzw. 16 zu Sportbootführerschein Binnen und See animiert. Ohne diesen frühen Segelerfahrungen hätte ich sicher nie das Selbstverständnis oder das Selbstbewusstsein erlangt, was ich brauche, um mir diese Reise zuzutrauen. Meine Mutter hat mir als Kind der Nordsee den gebührenden Respekt vor dem Meer mitgegeben aber auch eine große Portion Reise- und Unternehmungslust. Beide Eltern standen unserer Reise anfänglich skeptisch gegenüber aber trotz berechtigter Ängste haben uns beide unterstützt und unterstütze uns noch – emotional und praktisch. ich danke beiden sehr für das, was sie mir im Leben mitgegeben haben und für ihre Unterstützung. Das waren die langfristigen Gedanken, die mich bei der Ansteuerung der Kanarischen Inseln durchströmten.

Ich war auch ein gutes Stück stolz auf meinen Weg, auf das, was ich aus dem gemacht hatte, was mir gegeben war und über meine ganz eigenen Schritte.

Zu gute Letzt danke ich Gott. Ich bin kein religiöser Mensch aber ich glaube an eine Kraft, die uns begleitet, die alles zusammenhält. Das Meer und das Wetter sind unberechenbar und wir müssen loslassen können, um uns diesen Kräften anzuvertrauen. Wir sind gut begleitet worden und ich glaube wir werden durch ein gutes Karma beschützt, nennen wir es Gott oder auch irgendwie anders.

Nun könnt ihr vielleicht nachvollziehen, warum mich der Anblick von La Graziosa so überwältigte. Es war einer der bewegenden Momente meines Lebens und ich freue mich, diesen mit euch teilen zu können.

Lanzarote im Blick

7 Antworten auf „Dankbar und stolz“

  1. Lieber Martin,
    Herzlichen Dank für diesen Bericht aus Lanzarote, den ich gerne auch als Geburtstagsbrief sehe!
    Dir und der Crew wünschen wir alles Gute und Maß und Ziel für die weiteren Pläne
    Christa und Peter
    nun auf dem Nil

  2. Hallo Martin,

    Philipp hier von oceancrewlink.
    Ich verfolge euren Blog natürlich auch fiebernd und freue mich dass ihr gut angekommen seit 🙂
    Ich bin gestern 10.10. auf Gran canaria. Besteht bei euch das Interesse dass wir uns mal treffen oder wie sind eure weiteren pläne?

    Lg
    Philipp

  3. Wow, das berührt, danke für diesen Tiefgang. Nur das mit dem Segelverein und der Platzierung…..da hab ich wohl den entscheidenden Unterschied gemacht?! :-))))))
    Liebe Grüsse an diese tolle Familie

  4. ….große Leistung, die Ihr da vollbracht habt und ein wahrhaft berührender Bericht, Martin! …und Enno, immerhin waren das die längsten Ferien Deiner Schulzeit! Sind ja auch noch ein paar Wochen…
    Lasst es Euch gut gehen, wir drücken Euch dollst, M.&A.

  5. Hallo Martin, gute Entscheidung für die Familie, da bekommt man einen Kloss im Hals.
    Hast eine tolle Crew kannst mächtig stolz sein.
    Übrigens hat Lennard als kleiner Bub, Enno war noch nicht auf der Welt, erzählt dass er eine
    r i c h t g e Familie hat mit Mama und Papa, 2 Omas, 2 Opas, 1 Uroma und ganz viele Onkel und
    Tanten.
    Sei ganz lieb gegrüsst aus Hirschlanden
    Dorothee

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