17.3.2020 Ein Geburtstag, den ich nicht vergessen werde

Ihr Lieben, wir haben uns lange nicht gemeldet und ich habe bestimmt bald vier Wochen nicht geschrieben.

Wir sind recht weit weg von den realen Auswirkungen der Corona-Kriese. Auf Antigua gibt es nur einen registrierten Fall, ein Kind, was auf dem Weg der Genesung ist. Der Supermarkt ist gut gefüllt und die Insel macht insgesamt einen sehr wohlhabenden Eindruck. Es scheint so, als würden viele gut situierte Engländer und Amerikaner hier ihren Lebensabend verbringen. Es ist also nicht so arm, wie andere Inseln und wir vermuten, dass es sogar ein einigermaßen funktionierendes Gesundheitssystem gibt. Wir haben auch gelernt, dass der Virus weder Wärme, Sonneneinstrahlung noch Salzwasser mag – all das haben wir hier in Hülle und Fülle!

Trotz unserer privilegierten Situation sind wir natürlich gut mit dem Rest der Welt vernetzt und lesen Spiegel Online und dergleichen. So denken wir viel an euch zuhause und unser Paradies bekommt einen etwas schalen Beigeschmack. Vielleicht war das auch ein Grund, warum wir wenig geschrieben haben. Wir fanden uns selbst an einem Punkt, an dem wir etwas Heimweh hatten. Nicht nach Corona aber nach Berlin, nach Familie und Freunden. Nach der Aufbruchsphase im Mittelmeer, der großen Überfahrt und dem Ankommen und Entspannen in der Karibik haben wir das Gefühl, in die letzte Phase unseres Abenteuers einzusteigen und wir wissen irgendwie nicht so recht, wie die eigentlich aussehen soll. Das war zumindest der Stand vor einer Woche. Lennard war etwas malat und Enno und ich hatten nach dem ersten Abenteuer mit dem Kite einen Sonnenstich. Caro hatte entsprechend viel Arbeit und irgendwie war die Stimmung gedrückt. Das Thema Boot verkaufen stand an und das wollten wir eigentlich in den USA tun. Das ist ganz schön weit, d.h. wir müssen wieder in Bewegung kommen. Wir haben also noch einmal letzte Reparaturen vorgenommen und uns auf die Überfahrt zu den Brittish Virgin Island vorbereitet. Das war vorgestern.

Gestern habe ich länger nachgedacht und wir haben gemeinsam beschlossen, erst einmal in Antigua zu bleiben. Hier sind wir bereits einklariert, wir müssen keine Gesundheitsschecks oder Quarantäne fürchten. Das ist nämlich ein Mittel Einwanderungsbehörden: Entweder Boote aus bestimmten Ländern gar nicht reinlassen oder eine Quarantäne von 14 Tagen verhängen, in denen wir das Boot dann  nicht verlassen können. Warum uns also dem aussetzen? Hier ist der Supermarkt gefüllt. Und auch wenn er teuer ist, die anderen Inseln sind nicht billiger. Ein weiterer Punkt ist: Von Antigua kann man zum einen nach Süden in Richtung Grenada oder ABC-Inseln (das sind die holländischen Antillen Aruba, Curacao usw) fahren. Beides liegt südlich des Hurricane-Gürtels, der die Gegend hier ab Mitte Juni gefährlich macht. Zum anderen kann man von Aruba auch nach Norden fahren, wo der Hurricane-Gürtel ungefähr an der Nordküste Floridas endet. Es gibt schöne Ankerbuchten in Antigua und Kitesurfen kann man auch. Warum also nicht einfach hierbleiben und beobachten, wie sich die Welt entwickelt. Auch der Verkauf des Bootes pressiert nicht mehr so. Vielleicht ist die selbstgewählte Isolation auf einem Segelboot gar keine schlechte Form, den globalen Spuk vorbeiziehen zu lassen.

Wie gesagt, es fällt nicht ganz einfach, auf den normalen „hurra-wir-sind-im-Paradies-Modus“ zu schalten, wenn man die Nachrichten liest. Wir denken an euch und wir machen uns Gedanken, wie sich die Welt verändert. Für euch und für uns. Werden die Schulen nach den Osterferien wieder öffnen? Oder nach den Sommerferien? Ist nicht Online-Learning und sowieso so viel wie möglich online das Gebot der Stunde? Das geht ja auch von hier… .

Nun, ihr wollt sicher nicht lesen, wie wir uns Gedanken über euch zuhause machen. So will ich also etwas von uns hier erzählen:

Wir sind von Guadeloupe in Brittish Harbour eingelaufen nachdem der angeschlagene Lennard seine erste Bekanntschaft mit Seekrankheit gemacht hatte. Sonst ein Fels in der Brandung hatte ihn eine Erkältung vorher geschwächt und er hatte plötzlich deutlich mehr Verständnis für seinen kleinen Bruder. Brittish Harbour war voller Boote, viele davon Segelyachten von mehr als 130 Fuss also mehr als 40 oder 50 Meter. Unsere Leonardo hatte eher die Größe von deren Beibooten, also eindeutig eine andere Liga. Nachdem wir problemlos einklarieren konnten sind wir in Richtung Green Island gefahren, ein Kitespot, an dem wir nun endlich das neue Gerät kennenlernen wollten. Enno und ich sind dann auch schnell zur Tag was allerdings nicht so einfach war, wie gedacht. Der Strand war so eng, dass wir beschlossen hatten vom Dingi zu starten. Die Kitezone war dann so eng, dass wir sofort in ein Feld von Booten trieben. Hier konnten wir den Kite nicht mehr starten, da eine der Tubes völlig luftlos war. Also Abbruch und zurück zum Boot. Enno und ich waren völlig fertig, irgendwie hatten wir uns in der Euphorie nicht ausreichend  vo der Sonne geschützt und uns war ziemlich schummerig. Unsere Köpfe glühten und auch am nächsten Tag waren wir noch fertig. Also konnten wir uns ein Youtube-Video nicht über Kitesurfen sondern über Kite-Flicken anschauen. Wir fördern also den inneren Tube zu Tage und kleben das Ventil neu ein. Dann alles wieder rein und am nächsten Tag erneut zum Strand. Aufpumpen und…. Pfffft, das nächste Ventil ist undicht. Also wieder zum Boot, neues Flick-Video und den großen Tube flicken. Diesmal zwei Ventile neu einkleben. Aufpumpen und…. Pfffft. Ah, da ist ja noch ein Ventil. Also Flicken und am nächsten Tag wieder an den Strand. Pump, pump, pump und….. pfffft. Diesmal weicht die Luft aus dem kleinen Tube. Also wieder zum Boot und diesmal holen wir allen verbleibenen Tubes aus dem Kite und kleben die verbleibenden beiden Ventile ein. Wir haben nun alle 6 Ventile des Kites neu eingeklebt und nun scheint es tatsächlich zu halten. Enno steigt auf und Kitet wie ein Weltmeister hin und her! Als ich es probieren will hat der Wind nachgelassen und es reicht nicht mehr für meine 85kg. Aber für Enno, der freudig noch ein paar Runden dreht. Fahren klappt super, er ist schnell und auf der einen Seite klappt auch das Höhelaufen schon ganz gut. Auf der anderen Seite nicht ganz so aber dafür sitze ich ja im Schlauchboot und fahre hinterher. Nachdem Enno ca. 2nm an Höhe verloren hat packen wir alles aufs Boot und es geht zurück zum Strand. So hatten wir uns das vorgestellt und nach all der Flickerei haben wir nun zumindest ein erstes Erfolgserlebnis!

Am nächsten Tag lässt der Wind nach und wir fahren zurück nach Brittish Harbour. Dort hatte ich einen Segelmacher aufgetan, der das Loch in unserem Parasailor flicken wollte. Da er bis ca 23h abends arbeitet (in der Saison 16h/Tag arbeiten, dann eine Harricon-Saison lang Pause) konnten wir den Drachen abends vorbeibringen. Am nächsten Tag war er tatsächlich repariert und Lennard und ich machten uns daran, die gerissenen Leinen zu flicken. Auf einer großen Wiese ersetzten wir tatsächlich 20 Leinen mit 1mm Dyneema-Schnüren, die sicher nicht noch einmal reißen werden! Unsere nächsten Etappen sollten ja wieder in Richtung Westen gehen, d.h. Rückenwind und da wollte ich auf jeden Fall unseren Drachen wieder am Start haben. Das hat tatsächlich alles gut geklappt und mitten in die Wettfahrt der Superyachten hinein machen wir uns auf in Richtung Jolly Harbour, einem Hafen an der Westküste der Insel, wo man gut einkaufen kann und wir alle Tanks und Batterien aufladen können. Ich habe diese 3 Marinatage sehr genossen. Man kann einfach das Boot verlassen, auf festem Boden laufen, eine richtige Dusche nehmen, in den nahegelegenen Supermarkt gehen… alles richtig normal. Nach einer gewissen Bootsmüdigkeit fand ich das super. Da das dann doch 60USD pro Nacht kostet sind wir gestern nach 3 Tagen wieder in die Bucht gezogen. Hier liegen wir vor Anker, sicher auf Sandboden und das ganze kostet nichts. Mit dem Dingi braucht es nur 10min bis in die Marina, d.h. all die Annehmlichkeiten sind nicht weit weg.

Zum Frühstück ist nun die Frage, ob wir Panncakes bei Wildest Dreams essen oder hier an Bord. Ob erst noch Blog-schreiben oder gleich Yoga und dann frühstücken…. Alles schwierigie Entscheidungen und ihr seht, der harte Paradies-Alltag hat uns voll im Griff!

Ich versuche jetzt weniger Nachrichten zu lesen und den Tag zu genießen. Ich denke an euch zu hause und freue mich darauf, wenn wir in ein paar Monaten wieder da sind und über diese Panikepisode nach-senieren können!

4 Antworten auf „17.3.2020 Ein Geburtstag, den ich nicht vergessen werde“

  1. Lieber Martin, liebe Crew, ein toller Bericht zu diesem Geburtstag, über den ich mich sehr gefreut habe.
    Lena und Usch sind samt Jona erfolgreich mit dem letzten Flugzeug nach Wien geflogen. Sie wohnen im Ferienhaus von Usch’s Eltern und versuchen wieder gute Laune zu bekommen.

    Nachdem hier der allgemeine Wahnsinn ausbricht – in Brandenburg werde sogar die Kinderspielplätze geschlossen – und die frische Luft in Österreich nur noch vom Balkon zu genießen ist, fangen auch eine Leute an darüber nachzudenken, was denn dieser ganze Hype soll:
    Lest ‚mal selbst

    /Users/jurgenhess/Library/Containers/com.apple.mail/Data/Library/Mail Downloads/149BDCA1-3953-4095-9C44-DE9135BDF43A/ 20200225 Corona Artikel WW.pdf

    https://www.wodarg.com/vortr%C3%A4ge/

    Liebe Grüße und „viel Glück und viel Segen“…..

    Der Schwiegervater, Vater und Opa
    Peter

  2. Lieber Martin,
    alles liebe zum Geburtstag! Habe öfter mal an Dich gedacht in letzter Zeit. Zum Beispiel als hier ein paar Yachten fuer 2 Wochen in die Quarantäne mussten… 😂 Und ich mur überlegte ob euch sowas wohl begegnen koennte… Offensichtlich ja ! Mmh, generell wuerde ich Dich eigentlich gerne sehen! In Tunesien ist coronavirus angekommen: ab morgen ist Ausgangssperre – lockdown Italienischer Art. Der kleine feine Unterschied hier: wir wissen nicht wieviel Faelle es wirklich gibt (offiziell 26), Krankenhäuser sind nicht verlässlich und zu wenig und wir sind Europäer, also die Spezies die das Virus ins Land gebracht hat… Und versorgungsengpaesse gibt es jetzt schon… GIZ hat Dich und mich zur Risiko Gruppe erklaert: over 50!
    Mal sehen. Feier schön in Antigua, und lerne schoen kitesurf en, dann kannst du es mir zeigen! Im segelklub von Sidi Bou Saïd!
    Ich umarme Dich und Lenard und Caro und Enno auch!

  3. Hi CELM
    Schön nach so langer Zeit wieder was von Euch zu hören. So wie es sich liest ist auch Corona in Euer Gegend ein Thema. In Antiqua vorläufig zu bleiben, aus den angegebenen Gründen ist wohl z.Zt.am vernünftigsten. Auch die USA hat ein 30 tägiges Einreiseverbot für Europäer angeordnet
    Hier ist alles doch sehr verunsichert. Die Medien beschäftigen sich hauptsächlich damit. Das öffentl. Leben ist z.Zt.
    sehr eingeschränkt!! Wir hoffen mit einem blauen Auge durch die über uns herreinbrechende
    Kriese zu kommen. Das Ihr Eure Freizeitgestaltung so wie beschrieben ausführen könnt ist super,
    auch wenn immer wieder irgend welche Rep. erforderlich sind. Liebe Grüße aus Haldorf bis zum nächsten Kontakt. Gestern wurde meine lk. Hand operiert. so wie es aussieht alles ok.
    Martin !! Nachträglich nochmal herzl. Glückwunsch zum Geburtstag
    Gruß an die Crew.

    1. Hallo ihr Seefahrer, es ist immer schön von euch zu hören. Lasst euch die Laune nicht verderben, das Heimweh kann ich verstehen dass das manchmal über euch kommt. Aber ganz ehrlich ihr versäumt hier nichts. Es ist unglaublich wie es hier in den Läden abgeht. Kaufhof und Co haben alle geschlossen, nur noch die „lebenswichtige“ Läden Aldi, Edeka usw. haben noch offen. Teilweise wird man nur begrenzt in den Laden gelassen und die Lebensmittel Milch, Nudeln usw. werden nur in haushaltsüblichen Mengen abgegeben. Der Abstand an den Kassen zum Vordermann ist mit 1,50 m vorgeschrieben. Kindergärten und Schulen sind
      geschlossen.
      Deshalb geniesst das Kitesurfen und wartet ab bis es wieder besser in der Welt wird.
      Seit alle ganz lieb aus Hirschlanden gegrüsst. Denke oft an euch. Dorothee

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